Autor Thema: Reparatur undichter Tankdeckel  (Gelesen 1501 mal)

Offline lecar5

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Reparatur undichter Tankdeckel
« am: Dezember 22, 2020, 17:46:42 Nachmittag »
Hi Folks,

im Zuge von - öhm :-\… naja, sagen wir einmal ‚kleineren Instandhaltungsarbeiten‘ ::) an meinem Turbo bin ich über meinen Tankdeckel gestolpert. Dieser ist bei den letzten Bewegungsfahrten durch Schwergängigkeit und ein hakeliges Tankschloss aufgefallen. Eine WD40-Kur brachte keine Abhilfe, der Schlüssel lässt sich noch immer nur mit Gefühl einstecken und rausziehen und das Schloss selbst weiterhin nur widerwillig drehen. Hauptsache dicht, denke ich, aber Komfort ist trotzdem anders :-\.

Da ich grad eh‘ eine Kiste mit Teilen zum Verzinken bringen möchte zerlege ich den Tankdeckel.



Bestimmt schadet es nicht, wenn der Tankdeckel auch eine neue Verzinkung bekommt. Die Kunststoffblende lässt sich mit vier Händen und drei Schraubendrehern abheben, das Schloss und eine Feder darunter fällt raus und vor mir liegt der eigentliche Tankdeckel: ein rundes Teil, das aus zwei tiefgezogenen Blechbechern besteht, die ineinandergesteckt zusammengebördelt sind.

Die Teile sind beim Verzinker, parallel guck ich auf ebay, ob es den Deckel womöglich irgendwoher noch neu und am besten für kleines Geld zu kaufen gibt. Angebote gibt’s einige, allerdings keine mit 38mm Durchmessern. Die Rückfrage beim über die Grenzen Baden-Württembergs hinaus bekannten 8220-Guru bringt die nüchterne Erkenntnis: Essig :(. 38mm hat nur Renault verwendet, baugleich sind Mercedes Benz MB100 und Opel Corsa, aber mit nur 34mm. Der Rat, einen solchen herzunehmen und diesen mit einer Kunststoffhülse auf 38mm zu bringen gefällt mir irgendwie nicht, das dumpfe Gefühl aus weiser Voraussicht von latenter Unzufriedenheit bei jedem Mal Tanken beschleicht mich. Nein, das will ich nicht.

Im Gespräch wird einiges deutlich: die dicken Turbos haben häufig undichte Tankdeckel, da der innere Becher am Fuss durchrostet. Fehlkonstruktion des Tankdeckels ist die Schlussfolgerung, aber halt!, die ist womöglich vorschnell: von anderen Autos, eben grad MB100 oder Corsa, ist dieses Phänomen nicht bekannt. Und jetzt wird auch klar, warum: bei ‚normalen‘ Autos (ich meine normal, nicht schön >:D) ist der Tankdeckel vertikal montiert, der Tankdeckel des dicken Turbos aber liegt fast horizontal, die Steigung beträgt geschätzt 30°. Soll heissen, nach jedem Regenguss und nach jeder Autowäsche steht im inneren Becher des Tankdeckels Wasser und es ist nur eine Frage der Zeit, bis der innere Becher von aussen nach innen durchrostet. Es sind also nicht irgendwelche Spritdämpfe, die eine Dichtung auflösen und die irgendwann dazu führen, dass die dicken Turbos Linien von aus dem Tank hochgeschwapptem Sprit am rechten hinteren Kotflügel haben, sondern es ist die Lage des Tankdeckels in Kombination mit Wasser, welches nicht aus dem Tankdeckelschloss austrocknen kann. Ts…
Die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Autos bei den mittlerweile sehr geringen jährlichen km-Fahrleistungen (ok, Joe ausgenommen ;)) künftig noch arg viel Regen sehen ist wohl eher kaum bis gar nicht gegeben, wer künftig nach dem Autowaschen darauf achtet, den Tankdeckel abzunehmen und zu entwässern sollte kein Thema mit einem durchgerosteten Deckel bekommen. Aber, klar, natürlich nur, wenn der Deckel aktuell in gutem und dichtem Zustand ist.
Versuche von godsey, den Bördel der beiden Teile aufzumachen sind bislang gescheitert. Aber dank seiner Drehmaschine hat er irgendwelche MB100- oder Corsa-Deckel schon zerstört, und es liegen ein paar innere Becher in tadellosem Zustand vor.



Die Teile vom Verzinker sind zurück.



Und siehe da, mein Tankdeckel wäre bei der nächsten Verwendung wohl auch undicht.



Der Blick gegen‘s Licht zeigt es ganz eindeutig, ein Loch ist schon drin:



Mit dem jetzigen Wissen, mit neuen inneren Bechern und einem durchgerosteten undichten Tankdeckel lässt sich bestimmt etwas basteln… Links der Tankdeckel als solcher, Mitte der komplette Tankdeckel mit Kunststoffblende und Rechts nur der innere Becher:



Die Aufgabe ist also, den Bördel aufzumachen, ohne den äusseren Becher des Tankdeckels zu zerstören. Hier hilft der Dremel mit einem Metallfräser, der innere Becher ist schliesslich eh‘ schon kaputt.
 


Das Blech ist recht dünn, mit einem Schaber lässt sich der tiefgezogene Bereich des inneren Bechers rausheben.





Und siehe da: der innere Becher ist völlig hinüber.



Eine Blechschere, ein Schraubendreher und eine Rohrzange helfen, den restlichen Ring des inneren Bechers unter dem Bördel hervorzuziehen







Darunter kommt die Papierdichtung hervor, die zwischen den beiden Blechpressteilen eingelegt ist. Nach den letzten fast 40 Jahren und dem jüngsten Säure- und Zinkbad sieht die nicht mehr ganz so taufrisch aus… ;D



Prima – der Tankdeckel ist zerlegt. Um ihn wieder zusammenbauen zu können muss der Bördel des äusseren Bechers aufgebogen werden. Hier hilft erst ein Hammer und ein stumpfer Schraubendreher, der anschliessend durch ein 2 mm dickes Blech, das provisorisch rundgefeilt wurde ersetzt wird. Ach ja, und drei Hände :).





Wenn der Bördel ausreichend aufgebogen ist sind die Teile bereit für die Montage.    



Die neue Papierdichtung (aus dem MB100- oder Corsa-Deckel) in den äusseren Becher einlegen, den inneren Becher rein, zusammendrücken





und auf einem passenden Metallring (beispielsweise der äussere Käfig eines alten Radlagers) den Bördel des äusseren Bechers mit Hilfe eines Hammers und einer dritten Hand satt zusammenklopfen.



Der Tankdeckel ist wieder fit für die nächten 40 Jahre 😊.



Jetzt noch die Feder in den inneren Becher einlegen, das Schloss mit Ballistol oder WD40 fluten und einstecken, die Kunststoffblende wieder montieren, die Gummidichtung wieder aufziehen und schwupps gehören die Spritschlieren am hinteren rechten Kotflügel der Vergangenheit an.     



Hier noch ein Bild der benötigten ‚Spezialwerkzeuge‘:



Material: rund 15 EUR für einen Tankdeckel vom Opel Corsa, Mercedes Benz MB 100 oder wahrscheinlich tut‘s auch einer vom VW Golf oder Jetta, einfach in ebay einen schiessen. Der äussere Durchmesser ist egal, benötigt wird nur der innere Becher. Den alten Tankdeckel vom dicken Turbo für den äusseren Becher.

Werkzeug: Feile um den Bördel des Corsa-, MB100- oder VW-Deckels aufzufeilen (den äusseren Becher zerstören). Alternativ eine Drehbank samt Meisel, um den Bördel abzudrehen. Dremel und Fräser, Schraubendreher, Blechschere und Rohrzange um den inneren Becher aus dem Turbo-Tankdeckel auszubauen. Hammer, Schraubendreher und rundgefeiltes Blech um den Bördel aufzuklopfen. Hammer und Stahlring z.B. Käfig eines Radlagers um den Bördel beim Zusammenbau wieder zusammenzuklopfen. Grundsätzlich Schraubstock und 3 Hände, wobei 4 natürlich besser sind. 2 Corona-Masken, da beim Zusammenbau der Hygiene-Abstand nicht eingehalten werden kann ;D.

Zeit: schlanke 45 Minuten, mit 2 Etappenbierchen 60 :P.

Always stay curious!

LeCar5
« Letzte Änderung: Dezember 22, 2020, 17:51:21 Nachmittag von lecar5 »
Schwaben haben einen Nachteil: es gibt zu wenige!

Offline r8220

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Re: Reparatur undichter Tankdeckel
« Antwort #1 am: Dezember 23, 2020, 10:06:45 Vormittag »
Wie immer sehr schöne und interessante Arbeit. Ich würde irgendwann mal gern Bilder und Berichte zu den ‚kleineren Instandhaltungsarbeiten‘ sehen.  ::)
Turbofever

Offline godsey

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Re: Reparatur undichter Tankdeckel
« Antwort #2 am: Dezember 23, 2020, 12:13:07 Nachmittag »
Geil gemacht!

kleine Korrektur
Nennmass/tatsächliches Maß
Opel 35/34mm
Renault 38/37mm
Mercedes 40/39mm

Die Beschaffung des Ersatzteils ist überhaupt nicht einfach. Leider hat zum Beispiel Renault den Hersteller "Blau  ohne Lüftung" nur beim Turbo/Turbo2 verwendet. Den benötigten Innendeckel hat nur dieser besagte "Blau ohne Lüftung" mit Schloss. Und auch da bin ich mir keineswegs sicher ob alle Deckel genau diesen Innendeckel haben. Die Töpfchen für Hubsy und Dirk habe ich aus dem Gehäuse befreit, indem ich den gebördelten Rand auf der Drehbank abgedreht habe.
« Letzte Änderung: Dezember 23, 2020, 12:51:22 Nachmittag von godsey »
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